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Abroad Blog/Flo Iberer (5): Von einer Horror-Nacht in Cincinnati und einem Präsidenten-Dinner
Von: Markus Rinner Am: 30 Jan, 2017 | Kategorien: Abroad Blog, Florian Iberer, zSlideshow

Es ist das Ziel jedes Eishockeyspielers in einer der ganz großen Ligen dieser Welt sein Können unter Beweis zu stellen. Nicht viele Österreicher haben das Potenzial dazu und das Glück das man auch braucht um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein um diese Chance zu erhalten. Einer der diese Chance bereits zum zweiten Mal bekam und nutzt ist Florian Iberer. Für Hockey-News berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der großen weiten Welt des Eishockeysports, die sich als spannendes Abenteuer herausstellt und von denen er uns in seinem „Abroad-Blog“ teilhaben lasst.

Geboren und aufgewachsen in Graz, war Florian Iberer in seiner Familie einer von drei Jungs, die sich dem Eishockeysport widmeten und darin ihre Berufung suchten. Während seine Brüder Martin (3 EBEL-Einsätze für Graz) und Matthias (543 EBEL-Spiele für Graz & Linz) ihre Karrieren beendeten und sich einerseits aufs Tore verhindern (Martin) und Tore schießen (Matthias) spezialisierten, ist es die Mischung daraus, die Flo Iberer auszeichnet. Ein torgefährlicher Offensivverteidiger, der im Powerplay auf Grund seines harten Schlagschusses eine Waffe ist, aber auch defensiv zu überzeugen weiss. Nicht zu vergessen ist auch Schwester Anna, die ebenfalls dem Eishockeysport verfiel und Österreich sogar bei Nachwuchsweltmeisterschaften und Youth Olympic Games vertrat.

Graz, Klagenfurt und Wien waren die EBEL-Stationen (476 Spiele) des 33-jährigen, der einen Meistertitel mit dem KAC feierte (2013), 2004 fürs österreichische Nationalteam debütierte und es auf 65 Teameinsätze brachte, darunter eine Olympiateilnahme. Deutschland und Schweden hat Iberer ebenso auf seiner Vita stehen, wie drei Spielzeiten in Nordamerika, denn dort versuchte er sich zwischen 2005 und 2008. Nun ging es zurück in die Staaten und Flo Iberer lässt uns mit seinem Hockey-News „Abroad-Blog“ an seinem Trip teilhaben.

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(Pic: Privat)

Nach dem Abstecher zu Mount Rushmore verbrachten wir die nächsten Tage in Rapid City (South Dakota) um zwei weitere Spiele zu absolvieren. Als ich morgens vom Hotel zum Training hinüber in die Arena spazierte, wusste ich, dass mir vor dem Eistraining noch ein Einzelmeeting mit den Coaches bevor stünde. Solche Meetings hatte ich in meiner Karriere, wie jeder der Profisport betreibt, schon etliche und ich war auf alles gefasst, selbst auf einen Rauswurf. Die Tür zum Coaches Office stand bereits offen und ich wurde auch sogleich hereingewunken.

Der Head Coach sprach mit mir über seine Ansichten zu meiner Leistung im letzten Spiel und ich durfte meinen Assist, der direkt zum Gegner ging und sogleich zu einem Gegentor führte, noch einmal ansehen, dazu einige weitere grobe Schnitzer der bisherigen Partien. Am Ende des Meetings sagte er, dass er mich beim morgigen Spiel auf die Tribüne verbannt hätte, wenn sich nicht ein anderer Verteidiger bei einem Fight im letzten Spiel gegen die Colorado Eagles verletzt hätte. In dem wirklich offenen Gespräch verriet er mir, dass er mit dem Coach der Eagles vor dem letzten Spiel gesprochen hatte. Dieser hatte in der Vorsaison ebenso einen Verteidiger aus der EBEL engagiert. Natürlich wusste ich genau um wen es sich dabei handelte, sagte aber nichts (Anm. d. Red.: Es handelte sich dabei um den Ex-Linz-und Wien-Crack Adrian Veideman). Der Eagles Coach war bis zur Weihnachtspause mit dem ehemaligen EBEL-Import nicht zufrieden gewesen, er steigerte sich aber danach enorm und war zum Ende der Saison ligaweit zweitbester Scorer unter den Verteidigern. Ich vermutete, dass dieses Beispiel meinem Coach doch noch etwas Vertrauen in meine Qualitäten gab und meinte dazu, dass ich nicht vor hatte mir so lange Zeit zu lassen um gute Leistungen zu bringen.

Speisen wie die Präsidenten (Pic: Privat)

Mit dem Rücken zur Wand lieferte ich dann gegen Rapid City auch zwei wirklich gute Spiele und konnte den Vertrauensvorschuss des Trainers etwas rechtfertigen. Mit zwei Siegen im Gepäck ging es wieder zurück Richtung Osten. In Rapid City stiegen wir in den Flieger nach Denver und von dort ging es zum nächsten Zwischenstopp nach Cincinnati (Ohio). Nach dem langen Reisetag hatten wir noch zwei Tage bis zum Spiel gegen die Cincinnati Cyclones und so lud uns der Besitzer der Royals, der uns bereits den ganzen Roadtrip lang begleitete, zum Abendessen in ein ganz besonderes Restauraunt ein. In dem, für seine Rippchen bekannten Lokal, waren nun nicht nur die Reading Royals zu Gast, sondern es speisten dort auch bereits alle US Präsidenten seit Gerald Ford. So bekamen nun auch die Billigketten-Speiser der Mannschaft mal eine ordentliche Mahlzeit und mit vollem Bauch ging es für die meisten Spieler zurück nach Downtown ins Teamhotel. Ein paar andere, wie beispielsweise mein Zimmerkollege, nutzten die Chance auf ein bisschen Nightlife in Cincinnati. Ich hingegen freute mich auf ein paar Stunden Erholung.

Plötzlich schreckte ich auf. Die drei lauten Knalle waren auch im 18. Stock nicht zu überhören und ich war mir sofort bewusst, dass es sich dabei um Schüsse handeln musste, so laut und eindringlich waren sie. Ich blickte auf mein Handy. Es war fast 2 Uhr morgens und das zweite Bett im Zimmer war noch leer. Als ich meinem Zimmerkollegen eine Nachricht schreiben wollte, ob alles ok bei ihm war, flatterten schon die ersten Nachrichten im Gruppenchat der Royals herein. Jeder Spieler der bereits im Hotel war hatte die Schüsse gehört und war zum Fenster geeilt. Als ich meine Nachricht abschicken wollte, bekam ich zu lesen: “Da ist gerade einer direkt unter meinem Fenster erschossen worden, ich hoffe ihr seid alle ok.” Der Teamchat ging über und zum Glück meldete sich auch mein Roomie bei mir. Ich war hellwach, also ging ich zum Zimmer des Mitspielers, der die traurige Nachricht übermittelt hatte. Direkt vor unserem Hoteleingang lag ein Mann auf der Strasse in einer riesigen Blutlacke, bei dem der Notarzt offensichtlich schon jeden Wiederbelebungsversuch aufgegeben hatte. Rundherum unzählige Autos mit Blaulicht. Ich war nicht der Einzige der in das Zimmer mit der schrecklichen Aussicht kam. Wir lauschten alle per Handyapp dem Polizeifunk, durch den wir gut und deutlich die Worte “Homicide” und “Suspect on the run” ausmachen konnten. Für die Einsatzkräfte schien es business as usual zu sein und nach einer Stunde war die Straße wieder leer, als ob nie etwas geschehen war.

Das war also die andere Seite meiner temporären Heimat. Ich war ehrlich gesagt etwas verstört von den Bildern, denn das hätte auch jeder von uns sein können, der sich gerade vor dem Hotel aufgehalten hatte. Es war die Realität und nicht nur Bilder, die man sonst aus der Distanz im Fernsehen verfolgen konnte. Als ich zurück in mein Zimmer kam, lag mein Roomie bereits in seinem Bett und erzählte mir, dass er, als die Schüsse fielen, auf der anderen Straßenseite in einem Lokal noch eine Pizza aß. Wirklich schlafen konnten wir beide nicht und zum Training am nächsten Morgen kamen nicht nur wir beide ziemlich gerädert. Zum Glück hatten wir noch einen ganzen Tag um die Erlebnisse der Nacht zu verdauen.

Ups & Downs beinhalten Iberer’s Saissn (Tom Boland Photography/Reading Royals)

Das darauffolgende Spiel gegen die Cylcones lief für unsere Mannschaft nicht nach Wunsch. Wir lagen sehr schnell mit 0:5 zurück, aber als der Coach den Goalie tauschte (auch er würde wohl demnächst ein unangenehmes Meeting haben), konnten wir auf 5:4 verkürzen. Mit einem Onetimer-Tor im Powerplay startete ich die Aufholjagd, die aber leider unbelohnt blieb. Ebenso sieglos blieben wir zwei Tage später beim Spiel in Wheeling. Nach fast drei Wochen “on the road” machten wir uns nach dem Match gegen die Nailers per Bus auf den 5-stündigen Weg nach Reading, wo wir schon am nächsten Abend auf die Manchester Monarchs trafen. Zum Glück war das Leben aus dem Koffer endlich vorbei, denn die drei Hemden die ich abwechselnd zu den Spielen trug waren nicht mehr ganz so frisch wie bei der Abreise und auch das restliche Gewand ging zu Neige.

Abgerundet wurde das Wochenende noch mit dem dritten Spiel in drei Tagen gegen die Atlanta Gladiators, gegen die ich ein Tor und einen Assist erzielte und mit einem Plus 3 Rating abschloss. Trotz der nun schon vier Spiele andauernden Niederlagenserie, konnte ich endlich etwas zu meinen Stärken finden und wurde auch mit reichlich Eiszeit belohnt. Nach den ereignisreichen Wochen hatte ich meine anfangs schlechten Leistungen schon fast vergessen und konnte mit meinen Auftritten endlich halbwegs zufrieden sein. Eigentlich spielten wir alle gar nicht so schlecht wie man aus den Ergebnissen ablesen konnte, aber die Strapazen des Roadtrips sollten sich für die Royals noch einige Zeit bemerkbar machen…

Fortsetzung folgt…