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Abroad Blog/Roland Kaspitz (3): Von “Gefängniszellen” und schlimmeren Zuständen als in Kasachstan
Von: Markus Rinner Am: 22 Mrz, 2017 | Kategorien: Abroad Blog, Kolumnen, Roland Kaspitz, zSlideshow

Es ist das Ziel jedes Eishockeyspielers in einer der ganz großen Ligen dieser Welt sein Können unter Beweis zu stellen. Nicht viele Österreicher haben das Potenzial dazu und das Glück das man auch braucht um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein um überhaupt die Chance zu erhalten im Ausland zu spielen. Einer der diese Chance bereits zum dritten Mal bekam und nutzt ist Roland Kaspitz. Für Hockey-News berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der großen weiten Welt des Eishockeysports, die sich als spannendes Abenteuer herausstellen und an denen er uns in seinem „Abroad-Blog“ teilhaben lasst.

Er ist Villacher durch und durch und genießt beim VSV Kultspieler-Status. Der 35-jährige Roland Kaspitz hat in der höchsten österreichischen Liga debütiert als die EBEL noch nicht geboren war und feierte da bereits seinen ersten Meistertitel (2002).

Angefangen hat alles im Team Kärnten 2006, das man heute, beinahe 20 Jahre nach seiner Gründung, als ein sehr erfolgreiches Projekt ansehen muss. Denn neben Kaspitz haben sich auch spätere Größen wie Thomas Koch, Marco Pewal, Daniel Welser, Thomas Pöck oder Sven Klimbacher ihre ersten Sporen in dieser Mannschaft, die damals an der zweiten österreichischen Liga teilnahm, verdient.

Zwölf Saisonen steckte er im Dress der Adler und absolvierte insgesamt 760 Spiele in Österreichs höchsten Spielklassen, sammelte dabei 622 Scorerpunkte. Einen EBEL-Titel (2006) und 128 Teameinsätze (61 Punkte) später ging es 2012 erstmals in Ausland, als er bei den Landshut Cannibals in der zweiten deutschen Liga anheuerte. Über das zweite Auslandsabenteuer in Schweden (Apslöven/2.Liga) ging es wieder zurück in die EBEL, wo sich mit Graz, Innsbruck und Laibach drei weitere Arbeitgeber anboten. Nun, mit 35 Jahren wagte er zum dritten Mal den Sprung ins Ausland und heuerte in der französischen Liga in Lyon an und macht dort völlig neue Erfahrungen und lässt uns mit seinem Hockey-News „Abroad-Blog“ an seinem Trip teilhaben.

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(Pic: Sébastien VELLA / www.sebasphotos.com)

Das Wichtigste an diesem Montag war, dass wir (Matija und ich) heute endlich unsere Wohnungen zu Gesicht bekommen. Nach zwei Nächten im Hotel kam es mir sehr gelegen, meine vier Wände zu sehen und zu beziehen. Hier werde ich schließlich einen großen Teil meiner Zeit in Lyon verbringen. Außer Matija und mir sollte dort auch noch Scott Fleming wohnen. Er war wegen Visa-Problemen noch nicht in Lyon angekommen. Nach dem Training wartete Sebastien schon um uns im Konvoi dorthin zu leiten. Sebastien fuhr los, gefolgt von Matija. Ich bildete das Schlusslicht. Laut unserem Präsidenten mussten wir uns auf eine 25-Minuten-Fahrt einstellen. Es war meine erste Autofahrt seit meiner Ankunft. Meine Feuertaufe sozusagen. Und es war keine angenehme Premiere. Von Beginn an stockte der Verkehr. Wirft man einen Blick auf den Stadtplan von Lyon sieht man, dass ein großer Teil zwischen den Flüssen Saone und Rhone liegt. So auch die Eishalle. Muss man einen dieser Flüsse überqueren, zum Beispiel weil man sonst keine Möglichkeit hat zu seiner Wohnung zu kommen. Da kann man als Villacher Landei schon mal verzweifeln.

Es ging also äußerst zähflüssig los und als wir die Brücke endlich überquerten ging es in gleicher Tonart weiter. Ich vermied es auf die Uhr zu schauen um meinen Blutdruck möglichst niedrig zu halten. Außerdem musste ich das Gleichgewicht finden zwischen aggressiver und schonender Fahrweise. Zum einen um den Anschluss an die beiden vor mir nicht zu verlieren. Zum anderen um das Auto meiner Eltern möglichst unbeschadet in die versprochene Garage zu bringen. Als es nach 45 Minuten den Anschein hatte dass wir unser Ziel langsam erreichten, hoffte ich, dass wir doch bitte noch ein paar Kilometer drauflegten. Die Gegend machte keinen freundlichen Eindruck. Meine Gebete wurden leider nicht erhört. Wir parkten unsere Autos am Straßenrand. Als ich Matija ansah glaubte ich die gleichen Gedanken zu erraten die ich mir auch gerade machte. Die erste Frage die ich Sebastien stellte war bezüglich des Autos. Wo ich es parken würde, ob es eine Garage gäbe. Immerhin hatte ich es meinen Eltern versprochen. Sinngemäße Antwort Sebastiens: ‘Hier, entlang der Straße’. Obwohl ich für meine nahezu buddhistische Ruhe bekannt bin und ich vorher auch alle möglichen Szenarien im Kopf durchgespielt habe, musste ich mir mit einem lauten ‘Fuuuuccccckkk’ etwas Luft verschaffen.

Kaspitz, einst im 99ers-Dress (Photo: GEPA pictures/ Felix Roittner)

Mir war es gerade egal ob mich der Präsident dafür feuerte oder nicht. Ein paar Mal tief durchatmen und ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Vielleicht war die Wohnung ja toll und würde die nicht vorhandene Garage vergessen lassen. Sebastien hatte die Wohnung vorher selbst noch nie gesehen und das zeigte sich auch dadurch dass wir das Haus erst noch suchen mussten in dem wir wohnen sollten. Gesagt getan. Wir standen vor unserem Haus. Ein großes, älteres, villenähnliches Gebäude. Unsere Eingänge waren auf der Rückseite, von der Straße nicht einsehbar. Als wir das Stiegenhaus betraten sahen wir natürlich gleich, dass alles neu renoviert wurde. So weit, so gut. Meine Wohnung war nach der Eingangstüre gleich links.

Sebastien öffnete sie und wir traten endlich ein. Unglaube. Meine Augen wanderten von links nach rechts, von oben nach unten. Irgendwo muss es hier ja weitergehen. Das kann doch nicht alles sein. Die ‘Wohnung’ hatte maximal 25 qm. Wie in amerikanischen Sitcoms stand man nach dem Öffnen der Eingangstüre mitten im Wohnzimmer/Küche/Schlafzimmer. Ein kurzer Blick meines geschulten Auges genügte um zu erkennen, dass die Renovierungsarbeiten wohl eher schnell und billig als qualitativ hochwertig durchgeführt wurden. Überall außerdem noch der Staub der Bauarbeiten. Die Couch, die ich auch als Bett verwenden sollte war schlichtweg ein Witz. Die Frage wo ich meine Sachen hinhängen und meine Schuhe abstellen sollte stellte sich nicht. Es gab weder einen Schrank noch Raum für die Schuhe. Bei näherer Betrachtung gab es für einen Schrank eigentlich auch gar keinen Platz. Und wenn, dann einen der bei zwei Hemden und einer Unterhose aus allen Nähten platzen würde. Ernüchterung.

Meine Worte zu Sebastien waren ungefähr wie folgt: ‘Ehrlich jetzt? Da wohn ich nicht’. Matija wurde ebenfalls langsam schlecht. Immerhin dachte er sich, es wäre sowas wie ein Ritterschlag mit zwei erfahreneren Spielern im selben Haus zu wohnen und machte sich deshalb auch Hoffnungen auf eine dementsprechende Wohnung. Wir ließen mein ‘Loft’ also hinter uns und gingen ein Stockwerk höher. Matija schwante Übles und wurde nicht enttäuscht. Es ging noch kleiner. Die Wohnung hatte vielleicht drei mal fünf Quadratmeter plus Dachschräge. Dort einen Schrank zu installieren war ein Ding der Unmöglichkeit. So oder so ähnlich muss man sich in einer Gefängniszelle fühlen. In meiner Wohnung war die Stimmung schon ziemlich schlecht, spätestens jetzt aber am Tiefpunkt. Sebastien war, denke ich, selbst etwas schockiert von den Apartments die ja einer seiner Mitarbeiter ausgesucht hatte. Die Kommunikation lief ungefähr so ab:

Matija: “Das kann doch nicht dein Ernst sein oder?”

Sebastien: “Ja, du weißt doch, die Wohnungen in Lyon sind teuer.”

Ich: ungläubiges Kopfschütteln

Matija: “Wo soll ich hier leben? Stell ich eine kleine Ausziehcouch hier rein ist die Wohnung voll”

…peinliches Schweigen in knisternder Atmosphäre…

Sebastien: “Ja, aber die Immobilienpreise’

Ich: “Würdest du hier wohnen wollen?’

Sebastien: “Die Immobil… Wir sind ja jetzt hier um eine Lösung zu finden.’

Die Lösung war: Wir entschieden, dass wir hier unter keinen Umständen wohnen würden. Bis wir was anderes fänden, blieb ich in meinem Räumchen und Matija ging in Scott Flemings Apartment, der ja erst in ca. einer Woche zu uns stoßen würde. Dieses Apartment war etwas geräumiger, weil es für Scott und seine Freundin gedacht war. Und bevor sich hier jemand denkt, dass wir ja nur zwei verwöhnte, trotzige ‘Jungs’ wären die es nicht anders verdient hätten: Auch in Graz hatte ich kleine Wohnungen, die von der Lage, Ausstattung und auch Größe trotzdem in einer anderen Liga spielten und in denen ich mich absolut wohl fühlte. Laut Matija wurden ihm nicht einmal in Kasachstan derartige Wohnungen zugemutet. Das will doch was heißen.

Für heute hatten wir den Präsidenten genug gereizt. Wir verabschiedeten uns, versuchten den Schock zu verdauen und das Beste aus der Situation zu machen und gingen auf Erkundungstour. Außer einer Nachbarschaft die nicht sehr einladend aussah gab es hier nicht viel. Die nächste Straßenbahnstation war je nach Schritttempo zwischen 10 und 15 Minuten entfernt. Geschäfte gab es in unmittelbarer Nähe keine, doch wie überall, fanden wir einen McDonalds, unser Lebensretter in den ersten Wochen. Nach diesem Tag war ich einfach nur froh etwas Ruhe zu bekommen. Die Wohnung war schmutzig, stank nach frischen Bauarbeiten und das einzige Fenster klemmte. Ein Königreich für eine Brise Lyoner Stadtluft. Morgen Treffpunkt um 7:15 Uhr in der Eishalle. Ich ging zeitig auf die Couch um, den Umständen zum Trotz, fit für das Training zu sein. Zweifellos hatten wir schon einiges überstanden. Unsere Abenteuer waren aber noch nicht zu Ende.

Fortsetzung folgt…