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Abroad Blog/Roland Kaspitz (4): Von Möbel schleppenden Präsidenten und des Mannes größten Albtraum
Von: Markus Rinner Am: 3 Apr, 2017 | Kategorien: Abroad Blog, Kolumnen, Roland Kaspitz, zSlideshow

Es ist das Ziel jedes Eishockeyspielers in einer der ganz großen Ligen dieser Welt sein Können unter Beweis zu stellen. Nicht viele Österreicher haben das Potenzial dazu und das Glück das man auch braucht um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein um überhaupt die Chance zu erhalten im Ausland zu spielen. Einer der diese Chance bereits zum dritten Mal bekam und nutzt ist Roland Kaspitz. Für Hockey-News berichtet er exklusiv von seinen Erfahrungen in der großen weiten Welt des Eishockeysports, die sich als spannendes Abenteuer herausstellen und an denen er uns in seinem „Abroad-Blog“ teilhaben lasst.

Er ist Villacher durch und durch und genießt beim VSV Kultspieler-Status. Der 35-jährige Roland Kaspitz hat in der höchsten österreichischen Liga debütiert als die EBEL noch nicht geboren war und feierte da bereits seinen ersten Meistertitel (2002).

Angefangen hat alles im Team Kärnten 2006, das man heute, beinahe 20 Jahre nach seiner Gründung, als ein sehr erfolgreiches Projekt ansehen muss. Denn neben Kaspitz haben sich auch spätere Größen wie Thomas Koch, Marco Pewal, Daniel Welser, Thomas Pöck oder Sven Klimbacher ihre ersten Sporen in dieser Mannschaft, die damals an der zweiten österreichischen Liga teilnahm, verdient.

Zwölf Saisonen steckte er im Dress der Adler und absolvierte insgesamt 760 Spiele in Österreichs höchsten Spielklassen, sammelte dabei 622 Scorerpunkte. Einen EBEL-Titel (2006) und 128 Teameinsätze (61 Punkte) später ging es 2012 erstmals in Ausland, als er bei den Landshut Cannibals in der zweiten deutschen Liga anheuerte. Über das zweite Auslandsabenteuer in Schweden (Apslöven/2.Liga) ging es wieder zurück in die EBEL, wo sich mit Graz, Innsbruck und Laibach drei weitere Arbeitgeber anboten. Nun, mit 35 Jahren wagte er zum dritten Mal den Sprung ins Ausland und heuerte in der französischen Liga in Lyon an und macht dort völlig neue Erfahrungen und lässt uns mit seinem Hockey-News „Abroad-Blog“ an seinem Trip teilhaben.

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Kaspitz als “Drache” (Bild: Sport-Bilder.at/Dostal)

Da war ich nun also in Lyon in meinem Apartment und musste mir eingestehen, dass ich mir den Start in die Saison anders vorgestellt hatte. Ich war wohl auch zu leichtgläubig. Schließlich wurde ich dazu erzogen Versprochenes auch einzuhalten und lege das auch immer gleich auf andere um. Eine Einstellung die mir das Leben hier am Anfang wahrlich nicht leicht machte.

Alles was für Matija und mich nun zählte war es unsere Wohnungssituation zu ändern. Egal wie. Gleich am nächsten Tag gab es Hoffnung. Nachdem Sebastien (Anm.: Der Vereinspräsident) uns am Vortag die Wohnungen zeigte traf er sich mit Jakob Milovanovic, unserem Kapitän in dieser Saison. Auch ihm zeigte er eine Wohnung. Eine die für eine kleine Familie groß genug war. Scheinbar hatten wir den Präsidenten so sehr gereizt, dass es nur noch einen Tropfen brauchte um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Laut Jakob war dieser Tropfen erreicht nachdem er ihn auf die fehlenden Möbel ansprach und dass man  für das Geld bestimmt eine eingerichtete bekommen hätte. Nach dieser Kritik war die Wohnungsbegehung beendet und Jakob bekam auch noch ein ‘You are fired!’ zu hören. Als wir das am nächsten Tag hörten mussten wir erstmal herzhaft lachen, aber nicht ohne die Möglichkeit die sich dadurch ergab aus den Augen zu verlieren. Es war nun also eine Wohnung frei.

Nachdem uns klar gemacht wurde, dass wir ohnehin nichts Besseres erwarten konnten, sahen wir unsere Chance gekommen. Wir gingen also zum Präsidenten und fragten ihn ob es möglich wäre die Wohnung, die eigentlich für Jakob gedacht war, zu besichtigen. Einen Tag später war es soweit. Das Apartment lag auf der anderen Seite der Insel. Auch hier mussten wir also eine Brücke passieren um zur Eishalle zu gelangen. Der Verkehr allerdings war am frühen Nachmittag überhaupt kein Problem. Es kostete uns ca. 15 Minuten um dorthin zu kommen. Die Nachbarschaft machte einen wesentlich besseren Eindruck. Alles war ruhig und auch Lebensmittelgeschäfte gab es in der Nähe. Jetzt musste nur noch die Wohnung halbwegs in Ordnung sein und wir würden eher heute noch als morgen umziehen. Das Areal in der der Wohnblock stand war durch elektrische Tore abgegrenzt und es gab genügend Parkplätze. Ein Umstand der hier in Lyon ein großer Pluspunkt ist. Der Block selbst war sieben Stöcke hoch und dürfte in den 70er Jahren gebaut worden sein. Wir fuhren mit dem Lift in den letzten Stock und waren aufgeregt wie Kinder am heiligen Abend wenn nach einem Monat der Wartezeit endlich das Glöckchen läutet. Sebastien öffnete die Türe, wir gingen rein, schauten uns an und entschieden uns innerhalb von 5 Sekunden, dass wir hier zusammen einziehen würden.

Wie aber schon erwähnt gab es ein kleines Problem. Das Apartment war ziemlich leer. Bis auf die Küche und einen Einbauschrank gab es keine Möbel. Außerdem fehlten Waschmaschine und Kühlschrank. Egal. Wir wollten umziehen. Wir verabredeten uns also mit Sebastien für den nächsten Tag um zum Lager zu fahren, wo der Klub einige Möbel aufbewahrte. Eine Nacht noch im Gefängnis und wir wären endlich frei. Uns war aber auch klar, dass die nächsten Tage kein Zuckerschlecken würden. Jeder der schon einmal eine Vorbereitung miterlebt hat weiß, dass man in dieser Zeit eigentlich nur Eishockey spielt, Kraft und Ausdauer trainiert, isst und schläft. Für anderes hat man weder Zeit noch Lust und obwohl das Training langsam an Umfang und Intensität zunahm gab es für uns auch abseits des Trainings keine Pause.

(Pic: Sébastien VELLA / www.sebasphotos.com)

Wie ausgemacht fuhren wir also zum Lager. Zwei Garagen etwas außerhalb von Lyon. Es war 16 Uhr, Anfang August, die Sonne brannte vom Himmel und wir durften erstmal das Chaos in den beiden Garagen nach brauchbaren Möbel durchsuchen. Das heißt: Alle Möbel raustragen, die brauchbaren aussortieren und die anderen wieder zurückschlichten. Ich hatte scheinbar eine andere Erwartungshaltung als Matija, denn im Gegensatz zu ihm befand ich so gut wie kein Möbelstück in diesem Lager als brauchbar. Aber gut. Matija war ein kleines bisschen positiver gestimmt als ich. Das lag auch vermutlich daran dass er Kasachstan erlebte. Etwas das mir bis jetzt noch erspart blieb. Das einzige das mir Genugtuung verschaffte war, dass auch Sebastien mit anpackte. Ihn fluchen zu hören über die Unordnung in den beiden Garagen und zu sehen wie sein Hemd schweißdurchnässt an seinem etwas rundlichen Körper klebte war es fast schon wert im Hochsommer bei 36 Grad während der Vorbereitung Möbel schleppen zu müssen. Wir fuhren mit dem vollbeladenen Minibus zurück zur Eishalle, lieferten den Präsidenten dort ab und waren von nun an auf uns alleine gestellt. Es war jetzt an der Zeit gefühlte 10.000 Einzelteile aus dem Bus zu tragen, in den Lift zu schlichten, damit in den 7. Stock zu fahren und in der Wohnung abzuladen. Ich zählte zwar nicht mit, aber im Laufe dieses Abends fuhr ich wohl um die 20mal hinauf und wieder hinunter.

Immer wieder wenn wir im Lift eingepfercht standen schwankte die Stimmung zwischen Verzweiflung und Galgenhumor. Jedes mal wenn mich meine Wut übermannte dachte ich daran was ich seinerzeit beim Bundesheer lernte. Nämlich: Nicht darüber nachdenken, Hirnfunktionen zurückfahren und einfach machen, egal was. Es funktionierte zumindest teilweise. Matija ging es ähnlich. In Slowenien gibt es zwar keine Wehrpflicht, doch Matija hatte Kasachstan. Es war sein Polarstern in den dunkelsten Nächten der ihm den Weg leuchtete und an dem er sich aufzurichten schien und ich weiß nicht wie oft ich das Mantra ‘Aber in Kasachstan da …’ hörte, aber mittlerweile wünschte ich mir, ich hätte auch mal dort gespielt. In Sachen Lebensschule machte es den Anschein, dass das Land am Kaspischen Meer jedenfalls wesentlich besser funktionierte als jede Feldlagerwoche bei strömenden Regen.

Irgendwann hatten wir alles nach oben geschafft und waren einfach nur froh diesen Teil endlich hinter uns zu haben. Wir hatten aber immer noch keinen Kühlschrank, das Gas für den Herd funktionierte nicht und Strom wollten sie uns auch keinen gönnen. Frage an alle: Wohin, glaubt ihr, gingen wir an diesem Abend essen? Richtig. Natürlich zu Mcdonald’s. Hatte ich schon erwähnt, dass diese Fastfoodkette unser Lebensretter war in den ersten paar Wochen? Nach dem Essen fuhren wir auch noch bei Mitja vorbei, der so nett war uns Bettwäsche zur Verfügung zu stellen, bis wir eigene bekämen. Es war wohl so zwischen 23 Uhr und Mitternacht als wir endlich zu Hause ankamen um zu entspannen. Ich schlief auf der recht in die Jahre gekommenen Klappcouch bei der ein oder zwei Sprossen fehlten und Matija auf einer Matratze auf die ich mich in 100 Jahren nicht gelegt hätte. Etwas Gutes hatte der Tag. Ich schlief wie ein Stein.

(Bild: Red Bull/GEPA Pictures/Beganovic)

Roland Kaspitz als “Hai” (Bild: Red Bull/GEPA Pictures/Beganovic)

Die Wohnungsmisere ging aber noch ein wenig weiter. Es war nämlich noch lange nicht alles in der Wohnung. Außer dem Kühlschrank und der Waschmaschine fehlten noch Dinge wie Betten, Bettwäsche, Küchentisch und Stühle und ein paar andere Kleinigkeiten. Zwei Tage später kam es zum Showdown. IKEA-time an einem Samstag. Des Mannes größter Albtraum. Ich musste mit Sebastien und Matija meinen freien Tag in einem überfüllten Möbelhaus verbringen. Und eines stellte sich heraus. In unserer Beziehung war Matija die Frau. Ich wollte das alles einfach nur ganz schnell hinter mich bringen. Rein, Möbel kaufen und raus. Matija fing dann plötzlich an Accessoires wie Kerzen zu kaufen. Kerzen? Ernsthaft? Naja. Aber von irgendwas muss die Kerzenindustrie ja auch leben. Von mir hat sie bis zum heutigen Tag jedenfalls noch keinen Cent erhalten und ich gehe davon aus, dass das auch noch einige Zeit so bleiben wird. Irgendwann geht aber glücklicherweise auch der längste IKEA-Tag zu Ende.

Wir fuhren zur Wohnung und das Prozedere von Vorgestern wiederholte sich: Sachen aus dem Minibus in den Lift und ab damit in den 7. Stock. Dank weniger Einzelteile ging das alles diesmal schneller und ohne Komplikationen. Froh darüber das meiste der Schlepperei hinter uns zu haben machten wir dann einfach gar nichts. Die Möbel kann man ja auch ein anderes Mal zusammenbauen. Als Beschäftigungstherapie sozusagen falls uns langweilig wird in den nächsten Tagen. Das Gas für den Herd sollte Anfang nächster Woche funktionieren, die Waschmaschine und der Kühlschrank waren ebenfalls angekündigt und ohne Strom waren wir ja nur den ersten Tag. Es ging also langsam aufwärts. Gut so. Viel länger hätte ich es ohne nervliche Langzeitschäden nicht überstanden. Es wurde also langsam Zeit sich auf die Vorbereitung zu konzentrieren…

Fortsetzung folgt…