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Ask the Ref #6: Von Auswahlkriterien der Playoffqualifikation unter den Schiedsrichtern
Von: Markus Rinner Am: 26 Feb, 2016 | Kategorien: Ask the Ref, Kolumnen, zSlideshow

Ihr ärgert euch über Regeln oder könnt diese nicht nachvollziehen? Ihr hattet immer schon mal brennende Fragen die ihr einem Schiedsrichter stellen wolltet? Nun habt ihr die Chance dazu! In regelmäßigen Abständen wird der ehemalige EBEL-Headschiedsrichter Georg Veit sich in seinem Blog „Ask the ref“ ausführlich euren Fragen annehmen und diese beantworten. Wie das geht? Schickt einfach eine Mail mit eurer Frage an asktheref@hockey-news.info.

Georg Veit bloggt auf Hockey-News

Georg Veit bloggt auf Hockey-News

Wir freuen uns auf viele Mails und durch diese Rubrik mal einen der wichtigsten „part of the game“, nämlich die Schiedsrichter, in den Fokus zu rücken, der ansonsten eher im Abseits steht. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass Veit aus Loyalität gegenüber seinen Kollegen keine strittigen Situationen analysieren wird.

In der ersten Ausgabe nahm sich Veit dem Thema „Diving“, sprich den Schwalben an und erklärt den Auftrag der Schiedsrichter und das interessante Strafausmaß das den Tätern droht. In der zweiten Ausgabe ging es um die ligainterne Vorgehensweise bei Fehlern von Schiedsrichtern. Veit erklärte dies anhand zweier Situationen die ihn persönlich betrafen. In der dritten Ausgabe ging es um Fights, Veit antwortete auf viele Zuschriften, mit der Bitte um Aufklärung, warum heute beinahe keine Fights mehr zu sehen sind und wie das Regulativ dazu aussieht. Ausgabe vier behandelte die Entwicklung des österreichischen Schiedsrichterwesens, das International bereits hohes Ansehen hat. Heute geht es um Disziplinarstrafen. In Ausgabe Fünf widmete er sich der Thematik”Disziplinarstrafen”.

 

Liebe Eishockeyfreunde,

aus aktuellem Anlass möchte ich euch ein bisschen erklären, nach welchen Kriterien die Offiziellen für die Playoffs ausgesucht werden bzw. wie sie darauf vorbereitet werden.

Am letzten Sonntag, direkt nach dem Ende der Grunddurchgangsspiele wurde der Playoff – Kader der Referees verkündet. Dieses Email von Lyle an seine Schiedsrichter wird jedes Jahr heiß erwartet, es folgen darauf oft überschwängliche Freude oder aber auch großer Frust. Da auch Schiedsrichter Sportler sind, ist das sportliche Weiterkommen eine wichtige Sache. Niemand ist damit zufrieden eine solide Saison gepfiffen zu haben, wenn Ende Februar bereits Schluss ist. Hier trennt sich aber nun die Spreu vom Weizen.

Die Referees arbeiten mittlerweile auf einem hohen Niveau und vor allem, im Vergleich zu früher mit sehr ähnlichen Standards, sodass die Entscheidungen darüber, welche der 18 Referees und 18 Linesmen unter die glücklichen 24 kommen, enorm schwierig ist. Natürlich versucht sich jeder zu versinnbildlichen, wie seine Saison gelaufen ist und ob man eine Chance hat, dabei zu sein. Es gibt auch einige Indizien, die dir bei deiner Selbsteinschätzung helfen können. Ein Indikator kann sein, wie viele Spiele man während der Zwischenrunde geleitet hat. In meiner ersten Finalsaison waren dies 10 Spiele in 10 Runden. In meiner letzten Saison, in welcher ich die Playoffs nicht erreichte, waren es 5 von 10 Runden. Schiedsrichter, die in den Playoffs weit kommen sollen, müssen möglichst viel Praxis während der heißen Phase bekommen. Während der Playoffs können entscheidende Spiele zeigen, wer weiterkommt. Wer zum Beispiel das Spiel 7 einer Viertelfinalserie leitet, hat gute Chancen eine Runde weiter zu kommen.

Wonach werden nun also die Referees ausgewählt? Das Referee-Board unter Lyle’s Führung trifft diese Entscheidung. Auswahlkriterien sind unter Anderem:

  • Die Konstanz der Entscheidungsfindung eines Referees. Damit ist gemeint, ob jemand für seine Strafen von Anfang September bis Ende Februar denselben Standard verwendet und die Regeln auch gut kennt.
  • Die aktuelle physische und psychische Form eines Schiedsrichters. Im Zuge der physischen Tests werden zu Beginn der Saison strenge körperliche Überprüfungen durchgeführt. Wer während der Saison körperlich abbaut (wenn Fitness am wichtigsten wäre) hat schlechte Chancen. Mit der psychischen Form meine ich die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.
  • Die Kommunikationsfähigkeit ist ein wichtiges Instrument für die Playoffs. Wer mit Trainern, Spielern nicht in geeigneter Form kommunizieren kann/ will, verschlechtert seine Chancen. Damit ist aber auch gemeint, dass es keine Toleranz gibt, gegenüber Spielern, die besonders viel „Babysitting“ benötigen. Der Ref, der sich hier zu viel gefallen lässt hat, schlechte Karten.
  • Ein großer Pluspunkt für einen Schiedsrichter ist Erfahrung in wichtigen und schwierigen Spielen. Es KANN also sein, dass ein „alter“ Kollege einem Rookie vorgezogen wird, wenn die Leistungen der beiden vergleichbar sind.
  • Die Paarungen der Playoffs bzw. die teilnehmenden Mannschaften können darüber entscheiden, wer von 2 „gleichwertigen“ Refs gebraucht wird. Eine Playoffpaarung, die physisches und kampfbetontes Eishockey verspricht braucht andere Refereetypen als eine Paarung, in der schnelles, technisches Eishockey ohne „Bulllshit“ gespielt wird.
  • Teamfähigkeit ist in Playoffspielen ein wichtigerer Indikator als sonst. Nur 3 Personen stehen auf dem Eis, denen ich vertrauen kann. Wer dafür bekannt ist, seine „Ein-Mann-Show“ durchzuziehen wird in den Playoffs nicht gebraucht.

Die Vorbereitung der Referees auf das Playoff hat bereits begonnen. Ein Teil davon war in meinen Augen mit Sicherheit Lyle’s Interview mit dem Kleinformat, in dem er meiner Meinung nach versuchte, die Referees wachzurütteln und auch einen gewissen Druck auszuüben, sich ab jetzt nur mehr aufs Eishockey zu konzentrieren. Lyle ist mit den Leistungen der Referees in den letzten Runden wieder zufrieden, sein „Wirbel“ dürfte also Wirkung gezeigt haben.

In verstärkter Frequenz werden seit der vergangenen Woche Emails verschickt, welche die Schiedsrichter einstimmen sollen. Dies geschieht in erster Linie durch Lyle und in zweiter Linie durch einen weiteren (neuen) Mitarbeiter der EBEL, Don McAdam, seines Zeichens ehemaliger HC Bozen Coach, welcher in Zusammenarbeit mit den Trainern versucht, Dinge zu erörtern, die verbessert werden müssen.

 

In der Vergangenheit waren es Punkte wie die folgenden, welche den Referees nahegelegt wurden:

  • Für die letzten beiden Zwischenrunden wurden wir angewiesen to „Fuck the bulllshit“. Regeln anwenden und durchsetzen, faires Eishockey gewährleisten, Mannschaften bestrafen, die Mist bauen und ein Spiel in eine negative Richtung steuern wollen.
  • Die Bewusstmachung der verschiedenen Aspekte, die für das anstehende Spiel wichtig sein können. Wer sind die Trainer, wie kommunizieren wir. Welche Vorfälle gab es in der Serie, Vorsicht vor Revancheaktionen etc.
  • Mit Trainern kommunizieren, ABER nicht nach Drittelende, sondern zu Beginn des kommenden Drittels, da beide Seiten dann eine Chance haben sachlicher zu sprechen.
  • Gleichmäßige Auslegung der Regeln. Nach Wunsch der Trainer eine Eindämmung der sogenannten „Bullshit-Regeln“ … Facewash durch Gegenspieler, Herumschubsen nach Unterbrechungen, verbales Provozieren des Gegenspielers und Ähnliches. Wir wurden angewiesen, die Richtung in den letzten Runden der Zwischenrunde vorzugeben. Nichts was mehr mit dem Spiel an sich zu tun hat, soll mehr erlaubt sein und strikt bestraft werden. Darunter fallen auch sofortige 2 Minuten Strafen für jene Spieler, die sich mit den Refs anlegen.
  • Besonders auf Schwalben wurden wir hingewiesen, Lyle meinte letztes Jahr „Call the shit out of it“ … auf gut Deutsch übersetzt, lasst keine Gelegenheit aus, Spieler des „Diving“ zu überführen.
  • Das Spiel soll zwischen den Pfiffen so hart und emotional geführt werden, wie es innerhalb der Regeln erlaubt ist. In den Unterbrechungen muss Ruhe sein.

Zusätzlich zu den Emails mit Videoclips gibt es regelmäßige Skypekonferenzen, in denen das Playoffteam auf neue Situationen eingeschworen wird. Playoffs sind keine Zeit, in der man etwas Neues lernt. Was man hier zeigen muss, ist alles was man sich während der Regular Season angeeignet hat.

 

Die Playoffs sind auch für die Schiedsrichter die „Zeit zu scheinen“ (time to shine), größer zu sein als das Spiel und die besondere 5. Jahreszeit und das Vertrauen, das in dich gesetzt wurde zu genießen und rechtzufertigen. Nach jeder Playoffrunde kommt ein neues Email mit dem Kader der Halbfinal (je 8 Refs bzw. Linesmen) bzw. der Finalspiele mit je 6 Refs und Linesmen. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, wenn man nach dem Halbfinale dieses Email öffnet und zunächst die Liste der teilnehmenden Kollegen gar nicht lesen will. Vorsichtig tastet man sich dann von Name zu Name vor. Dann steht er da, dein Name, du bist einer der 6 besten Referees dieser Saison. Du möchtest am liebsten die ganze Welt anrufen. Kurz darauf setzt ein anderes Gefühl ein, dieses „Oh Gott, hoffentlich bin ich der Richtige, ich pfeife doch erst seit 6 Jahren EBEL und habe unmöglich genug Erfahrung“ – Gefühl. Viel Zeit für Gefühle bleibt dann nicht mehr, die Anreise zum ersten Spiel beginnt…

Allen Fans wünsche ich spannende Playoffs und meinen Kollegen, dass sie verletzungsfrei bleiben, und ihr Name bei den 6 letzten dabeisteht.

Für Hockey-News: Georg Veit