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Ask the Ref #13: Von (un-)klaren Entscheidungen und “too many men on the ice”

Ihr ärgert euch über Regeln oder könnt diese nicht nachvollziehen? Ihr hattet immer schon mal brennende Fragen die ihr einem Schiedsrichter stellen wolltet? Nun habt ihr die Chance dazu! In regelmäßigen Abständen wird der ehemalige EBEL-Headschiedsrichter Georg Veit sich in seinem Blog „Ask the ref“ ausführlich euren Fragen annehmen und diese beantworten. Wie das geht? Schickt einfach eine Mail mit eurer Frage an asktheref@hockey-news.info.

Georg Veit bloggt auf Hockey-News

Wir freuen uns auf viele Mails und durch diese Rubrik (Hier geht’s zu den bisherigen Ausgaben) mal einen der wichtigsten „part of the game“, nämlich die Schiedsrichter, in den Fokus zu rücken, der ansonsten eher im Abseits steht. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass Veit aus Loyalität gegenüber seinen Kollegen nur bedingt (und nach Rücksprache) strittige Situationen analysieren wird.

Im heutigen Blog soll es aufgrund des aktuellen Anlasses um das Thema „TOO MANY MEN“ gehen und euch näher bringen, wie diese Entscheidungen zustande kommen oder eben nicht.

Zunächst möchte ich allerdings feststellen, dass meine Ausführungen NIE der Weisheit letzter Schluss sind, es gibt immer Diskussionsbedarf und „Ja, aber…“ Fragemöglichkeiten. Ich versuche, den Blickwinkel der Refs zu erläutern, ergo sind meine Ausführungen auch meistens im Sinne der Referees. Weiters dienen sie dazu Regeln zu erklären oder zur Diskussion derselben anzuregen.

Es gibt wie bereits mehrfach festgestellt, viele Entscheidungen mit mehreren möglichen Ausgängen und Interpretationen. Man muss als Eishockeyfan ein bisschen Distanz zu sogenannten „schwarz-weiß“ Entscheidungen finden, da diese an Spielsituationen angepasst nicht so leicht zu treffen sind.

Es gibt in der EBEL ein eigenes Wording bei verschiedenen Strafen. Diese sollen spielintelligent sein und dem Spiel dienen. Daher ist oft eine klare Unterscheidung zwischen „Richtig“ oder „Falsch“ nicht möglich. In seiner ersten Saison bei uns bemerkte Lyle Seitz bei einem Referee-Seminar einmal: ‘Read the rulebook then throw it away’. Gemeint war damit, dass jeder Referee die Regeln kennen muss, aber dann diese eben angepasst an Spielsituationen anwenden soll. Ein gewisses Unverständnis ergibt sich naturgemäß, wenn Referees dieselben Regeln in unterschiedlichen Situationen anders anwenden. Dies ließe sich aber nur vermeiden, wenn die beiden selben Referees alle Spiele einer Saison leiteten, da dann ihre Meinungshoheit für alle Spiele gleich angewandt wird.

Der größte Teil der EBEL – Interpretationen ist die Frage ob eine Mannschaft durch eine Situation einen Vorteil erlangt oder nicht. Als Beispiel lässt sich hier das Foul des „Hakens“ anführen, da ein noch so offensichtliches Haken nicht als Foul gewertet werden muss, so der Gefoulte den Puck nicht verliert, und so kein Vorteil für die foulende Mannschaft entsteht. Dasselbe Haken in einer Torsituation hingegen wird sehr wohl eine Unterzahl zur Folge haben. Diesen Gedanken bitte ich euch zu bewahren, wenn ihr Spielsituationen und Fouls beurteilt.

Dies nur als kleine Einleitung zum eigentlichen Thema, des Calls der „TOO MANY MEN“.Auch bei diesem Vergehen herrscht großer Interpretationsspielraum und eine daher teils uneinheitlich wirkende Regelauslegung. Zwei Dinge sind zunächst für diesen Call entscheidend:

1)    Erlangt die sich verfehlende Mannschaft durch ihren schlechten Wechsel einen Vorteil in punkto Puckbesitz, etc.? Wäre zum Beispiel ein Spieler der gegnerischen Mannschaft in Puckbesitz, hätte die andere Mannschaft nicht schlecht gewechselt? Ist dies mit NEIN zu beantworten ergibt sich daraus auch keine Strafe. Die drei folgenden Clips zeigen solche „schlechten Wechsel“, die aber keinen Einfluss aufs Spielgeschehen haben bzw. keinen Vorteil ergeben und ergo keine Strafe zur Folge haben „sollten“:

2)    Sind die wechselnden Spieler zum Zeitpunkt der Puckannahme am Eis UND beeinflussen sie währenddessen das Spielgeschehen (ausreichend ist hierfür sogar das “im-Weg-Stehen” eines gegnerischen Spielers, klassischerweise handelt es sich aber um eine Puckannahme), dann ist eine Strafe auszusprechen. Die beiden folgenden Clips zeigen solche Beispiele:

Das heißdiskutierte Beispiel der Caps gegen den HC Innsbruck stellt in meinen Augen einen ähnlich gelagerten Fall dar:

Selbstverständlich und ohne Frage sind KURZ VOR der Puckannahme durch den Caps Spieler 7 Mann am Eis.

Diese behindern aber in keiner WEISE einen Spielzug oder greifen ins Spiel ein. Ein Diskussionspunkt könnte hier die Vorteilnahme sein, da die Frage im Raum steht, ob der näheste Innsbruck-Spieler den Puck erobert hätte. Was man an dieser Aufnahme aber erkennen kann ist, dass STANDBILDER zur Beweisführung immer untauglich sind, oder zumindest irreführend eingesetzt werden können, da sie keine Spielsituation wiedergeben können.

Dieselbe Situation kurz darauf  aufgenommen ergibt nämlich, dass sich zum Zeitpunkt der Puckannahme (gelbe Linie) die korrekte Anzahl an Capitals-Spielern am Eis befinden.

Ich denke aber auf jeden Fall, dass eine Strafe auch argumentiert werden könnte, da der Spieler insofern einen Vorteil erhält, da er den Puck direkt wieder ins Drittel spielen kann.

Die Argumente gegen eine Strafe überwiegen meiner Ansicht nach, daher bin ich der Meinung, dass NO PENALTY hier die richtige Entscheidung ist.

Ganz abgesehen davon, darf die Frage erlaubt sein, ob die beiden (spielenden) Teams, besonders im Angesicht der Tatsache, dass sie bereits im 6. Drittel kämpften, bis dahin fehlerfrei waren und sich nicht vielleicht doch der eine oder andere Fehler einschlich, der ebenso spielentscheidend war. Damit will ich nicht davon ablenken, wie eine gute oder schlechte Entscheidung der Referees zustande kommt, aber doch in die Richtung gehen, dass eben alle Akteure am Eis fehleranfällig sind und nicht nur die Offiziellen. Trotzdem werden nach solch tollen Spielen (und daran sollten wir die größte Freude haben) gerne Situationen gefunden, in welchen direkt oder indirekt die Spieloffiziellen für eine Niederlage verantwortlich gemacht werden. Ich habe Verständnis dafür, dass es um viel geht, bitte aber insgesamt um einen globaleren Blick auf die Akteure und deren Aktionen am Eishockeyspielfeld.

Gerne bin ich wie immer zu Diskussionen und Fragen bereit, die Annahme, dass ich den HCI nicht mag und Aussagen, dass ich meine ‘Caps Brille” abnehmen soll, gehören ins Reich der Phantasien und tragen nicht zu einer spannenden Diskussion bei. Jedenfalls wünsche ich allen teilnehmenden Teams heute tolle, erfolgreiche Spiele und euch liebe Fans gute Unterhaltung!