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NHL Inside Out: Bertuzzi vs. Moore – Eines der schwärzesten Kapitel der NHL-Geschichte!
Von: Martin Muhrer Am: 13 Mrz, 2017 | Kategorien: N.Amerika, NHL, NHL-Inside Out, zSlideshow

Vor fast genau 13 Jahren erschütterte ein Zwischenfall die NHL-Landkarte und sorgte für ein gerichtliches „Nachbeben“, wie es das Eishockey bis dato noch nicht erlebt hat. Die Karriere von Steve Moore war zu Ende, jene von Todd Bertuzzi bekam eine mächtige Schramme, auch sportlich fand DER Power Forward der damaligen Zeit nicht mehr so recht zu seiner Form – doch was geschah damals genau? Hockey-News.info Insider Martin Muhrer rollt für euch die Geschichte noch einmal auf.

(Bild: Mister Leung)

Die Vorgeschichte

Denver, Colorado – am 16.Februar duellierten sich die Colorado Avalanche und Vancouver Canucks im Pepsi Center der „mile high city“. Canucks Captain Markus Näslund, der zu diesem Zeitpunkt der beste Scorer der National Hockey League war, wurde von Avalanche Center Steve Moore mit einem üblen Headshot niedergestreckt. Näslund sollte aufgrund einer leichten Gehirnerschütterung und einer Ellbogenverletzung für drei Spiele ausfallen. Unverständlich – die Referees am Eis, als auch die Verantwortlichen der NHL titulierten den Hit als „legal“ – warum auch immer. Einige Wochen später sollte das Schicksal seinen Lauf nehmen…

Der Zwischenfall

Bereits im ersten Drittel bat Matt Cooke, seines Zeichens auch kein Kind von Traurigkeit, Steve Moore zu einem Tänzchen. Nach den ersten 20 Minuten lag Colorado in Vancouver bereits mit 5:0 in Front – Colin Campbell, damals Stellvertretender Vorsitzender der NHL, kontaktierte die Referees um eine potenzielle Eskalation zu besprechen. Gegen Mitte des dritten Spielabschnitt, die Avs hielten eine komfortable 8:2 Führung in der Hand, verfolgte der wohl stärkste Powerforward der damaligen Zeit, Todd Bertuzzi, den Avalanche Center. Dieser ignorierte die Provokationen von Bertuzzi, kurz darauf kassierte Moore einen heftigen Faustschlag gegen den Kopf. Moore und Bertuzzi fielen in weiterer Folge auf das Eis, erstgenannter mit dem Gesicht voraus.

Problematisch: auch die „zur Hilfe eilenden“ Mitspieler schmissen sich auf die beiden, vielleicht wurde eine Verletzung dadurch auch noch verschlimmert. Nach zirka zehn Minuten wurde Moore mit der Bahre aus der Arena gebracht, der Bitte von Avalanche General Manager Pierre Lacroix, die Offiziellen mögen das Spiel sofort beenden, kamen die Referees nicht nach – Colorado gewinn eine rellativ unwichtig gewordene Partie am Ende mit 9:2. Nachdem Moore in einem Krankenhaus von Denver genau untersucht wurde, gab es die Diagnose: drei gebrochene Wirbel, eine Gehirnerschütterung dritten Grades, eine Dehnung des Nervenstranges im Hals, und Amnesie.

Zwei Tage nach dem Zwischenfall entschuldigte sich Todd Bertuzzi offziell bei Moore’s Familie, Vancouver GM Brian Burke, Eigentümer John McCaw Jr., der gesamten Canucks Organisation, seinen Teamkollegen und natürlich auch den Fans. Unter Tränen gab der in Sudbury, Ontario geborene Kanadier bekannt: „Es tut mir wirklich leid, dass Kinder dieses Game mitansehen mussten. Ich spiele das Spiel nicht auf diese Art und Weise. Ich bin keine bösartige Person“. Das kann man nur unterstreichen, war Bertuzzi zwar als harter Gegner am Eis bekannt, wurde vorher aber nie durch unfaire Aktionen auffällig.

Rigorose Strafen & Gerichtsverhandlungen

Bertuzzi wurde mit einer Matchstrafe belegt und auf unbestimmte Zeit suspendiert. In weiterer Folge wurde der Stürmer bis zum Ende der Saison aus dem Verkehr gezogen – er verpasste 13 Saisonspiele und weitere sieben Playoff-Partien. Auch die Canucks kamen nicht ungestraft davon und mussten 250.000 Dollar auf den Tisch legen. In der darauffolgenden Saison heuerten viele Spieler wegen des NHL Lockouts in Europa an. Auch Bertuzzi plante ein solches Engagement, die IIHF hielt aber die Sperre für den kanadischen Crack aufrecht. Am 8.August wurden die Sperren für Todd Bertuzzi aufgehoben – die weiteren „Kämpfe“ wurden vor Gericht ausgetragen.

Steve Moore und dessen Anwalt klagten am 12.Februar 2005 Bertuzzi und eine Vielzahl seiner Canucks Teamkollegen an einem Gericht von Colorado an. Ein Jahr später, am 16.Februar 2006, einen Tag vor Bertuzzi’s ersten Spiel bei den Olympischen Spielen folgte eine weitere Anklagen, welche dieses Mal in Ontario eingereicht wurde. In dieser forderte Moore nicht weniger als 15 Millionen CAD an Schadenersatz, weil die aktive Karriere ja beendet war. Auch Moore’s Eltern klagten auf 1,5 Millionen Dollar – weil sie die Szenen mitansehen mussten und somit psychischen Qualen ausgesetzt waren. In den weiteren Jahren sollten sich die Forderungen noch weiter nach Oben schrauben – im Jahr 2014 forderte Moore in einem Zivilprozess knapp 70 Millionen CAD an Schadenersatz. Im August 2014 wurde bekanntgegeben, dass beide Seiten eine ausgerichtliche Einigung gefunden haben.

Während der Prozesse wurden auch Headcoach Marc Crawford und Teamkollege Brad May vorgeladen. May ließ damals schon mit einer Aussage aufhorchen: „Es gibt definitiv ein Kopfgeld auf Steve Moore“. Crawford gab vor Gericht auch zu, dass er auch seinen Teil dazu beigetragen hat. „Moore muss den Preis dafür bezahlen“, so äußerte sich der heutige Assistant-Coach der Ottawa Senators.

Was blieb?

Bertuzzi verpasste insgesamt 20 NHL-Spiele (inkl. Playoffs), was zum damaligen Zeitpunkt die viertlängste Sperre der NHL-Geschichte war. Mehr als eine halbe Million US Dollar verlor der kanadische Powerforward an Gehaltszahlungen. Weitere 350.000 Dollar, die via Sponsoring in die Kasse Bertuzzi’s hätte gespült werden sollen, blieben aus. Aufgrund der Dauer der Prozesse gab es auch für die gesamte Familie Bertuzzi eine enorme psychische Belastung. Commissioner Gary Bettman war sich am Ende sicher, dass dem heute 42-Jährigen die ganze Sache Leid tut – der Kanadier gab sich sehr reumütig und bedauernd.

Steve Moore’s Karriere war zu Ende und das obwohl es angeblich Berichte darüber gab, dass Moore gesundheitlich in angemessener Verfassung gewesen wäre, die Karriere fortzusetzen. Offiziell wurde das aber nie bestätigt. Bertuzzi fand nach dem Zwischenfall nicht mehr ganz zu alter Stärke. Nach einem weiteren Jahr bei den Canucks wechselte er nach Florida, kurz darauf nach Detroit und ein Jahr später nach Anaheim. Nach einer Saison in Calagry unterschrieb der Stürmer für einige Jahre in Detroit. Dort sollte die #44 fünf Jahre das „winged wheel“ auf der Brust tragen – mehr als maximal 45 Punkte sollten aber nicht mehr herausschauen. 1.156 NHL-Spiele konnte Bertuzzi in seiner Karriere absolvieren und dabei 314 Tore und 770 Punkte einsammeln. Gepaart mit fast 1.500 Strafminuten war er einer der stärksten Power Forwards der damaligen Zeit – sucht man Parallelen in der heutigen NHL, so würde wohl Jamie Benn ein gutes Pendant zum 2003er-Bertuzzi abgeben.

www.hockey-news.info , www.youtube.com , Bild: Mister Leung lizenziert unter: CC-BY-SA-2.0 (via Wikimedia Commons)