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NLA: Der Ambri-Fluch – Oder alle Jahre wieder: Ambri im Tief!
Von: Ulla Landolt Am: 24 Feb, 2017 | Kategorien: Europa, NLA

Alle Jahre gegen Ende der Qualifikation wiederholt sich für Ambri-Piotta die Angst vor einem Abstieg. Denn Vieles fehlt beim HC Ambri-Piotta, vor allem das Geld, Siege und die Geduld. Erneut droht dem Leventiner Traditionsclub der Abstieg in die NLB.

Wenn der HC Ambri-Piotta etwas beherrscht, dann ist es die Selbstinszenierung. Geschickt wird mit dem Ansehen des ewigen Aussenseiters gespielt, wie in etwa, dass sich der Verein von der Festung Valascia aus übermächtigen Gegnern widersetzt, was gleichbedeutend ist wie gegen Lugano und dem Kapitalismus. In der renovationsbedürftigen fast schon schrottigen Valascia, von den Ambri-Fans als Kultstätte bezeichnet, wehen Abbilder von Che Guevara und Geronimo durch den Wind. Der Ambri-Anhang und das Stadion wird von der Nostalgie und Sozialromantik geprägt wie kein anderes und der Klub hat es episch schon längst übernommen. Wenn der CVP-Ständerat und Präsident des HC Ambri-Piotta, Filippo Lombardi im Klassenkampf nicht zuoberst auf der Prioritätenliste steht und nach der Identität des Klubs fragt oder auch nach der Daseinsberechtigung des Vereins in der NLA im Jahr 2017, antwortet Lombardi, dass Ambri der Stachel sei, welcher beweise, dass Geld im Sport nicht alles ist.

Hört sich alles gut und schön an, dennoch hat diese Geschichte einen Makel: In der Realität des Profisport sind die Finanzen eben doch das wichtigste, mit einer Tradition allein kann ein Club heutzutage nicht überleben. Das Geld im Profisport ist das Mass aller Dinge.

Für die Leventiner ein grosses Problem, denn das Fehlen von finanziellen Mitteln, mittlererweile schon chronisch, reicht nicht um das jährliche Defizit von fast zwei Millionen Franken abzudecken. So hat Ambri in dieser Saison bereits zum zehnten Mal aus den letzten elf Jahren die Playoffs verpasst und ist damit erneut in eine Existenzkrise gerutscht. Nun rebellieren die Ambri-Fans anhand der katastrophalen und niederschmetternden Resultaten vom vergangenen Wochenende. 0:7 in Freiburg, 0:5 gegen Lugano verloren die Leventiner. Präsident Lombardi reagierte am Dienstag mit einem offenen Brief und dem Appell, dass alle zusammenstehen müssten, um den Mythos Ambri zu retten. Eine erneute Niederlage für Ambri gab es am Abend desselben Tages in Davos. Mit dem 1:4 und der vierten Niederlage in Serie für das Tabellenschlusslicht.

Man fragt sich daher, wie sich die Lage des HC Ambri-Piotta kurzfristig und erneut vor dem drohenden Abstieg zum Besseren wenden soll. Auch längerfristig gesehen, denn auch für die Zukunft sehen die Aussichten nicht weniger trüb aus. Sportchef Ivano Zanatta, seit 2015 Ambris Sportchef ersetzte vor vier Wochen Trainer Hans Kossmann durch Gordie Dwyer. Auf die Frage weshalb auf den Kanadier Dwyer, welcher als einzige Referenz 23 Spielsperren in der NHL vorzuweisen hat, erhält man die Anwort, weil er der einzige Kandidat war. Kein anderer wollte diesen Job zu diesen Konditionen mit einem Kontrakt bis Saisonende.

Dasselbe zeigt sich auf dem Spielermarkt. Wer andere Optionen in Aussicht hat, denkt in der Regel nicht über einen Wechsel zu Ambri-Piotta nach. So beklagte sich vor  Wochenfrist Präsident Lombardi über die vom ehemaligen Sportchef Serge Pelletier verantwortete aber verfehlte Transferpolitik der vergangenen Jahre. Man habe sich dabei zu teure und alte Spieler aufschwatzen lassen. Dem würde niemand widersprechen, doch wo bleibt eine Alternative? Bis auf ein wenig mehr Eiszeit hat Ambri den jungen Spielern nichts zu bieten. Weder eine Ausbildung, nur wenige sportliche Perspektiven und keine Infrastruktur. Nicht  einmal höhere Löhne helfen da, wie zuletzt beim Publikumsliebling Inti Pestoni, welcher lieber das Angebot der ZSC Lions angenommen hatte.

Nun will Ambri in den Nachwuchs investieren um das Problem in den Griff zu kriegen. So kostet Ambri allein schon das NLB-Farmteam in Biasca pro Jahr eine halbe Million und laut Zanatta habe man viel getan und sei auf gutem Wege. Doch könne man erwarten, dass heute gesät und morgen geerntet wird. Resultate werde man erst in sechs oder sieben Jahre sehen. Das sind lange Jahre im Profisport und für das Tessin eine Ewigkeit. Mit der Geduld des Publikums in Ambri und der innerlichen Ruhe ist es nicht mehr weit bestellt. Ein Misserfolg kann sehr schnell ungemütlich werden, geschehen beim Ex-Trainer Benoit Laporte, welcher mit Wildwest-Methoden aus der Leventina gejagt wurde. So musste Laporte einmal unerkannt aus der Valascia flüchten, weil ihm der Ambri-Mob an den Kragen wollte.

„Ambri ist in seinem Mythos gefangen und ihn überhöht“ sagte jemand, dem die Verhältnisse im Dorf aus eigenen Erfahrungen bekannt sind. Auch kommt die Unversöhnlichkeit daher, dass es im Ambri Umfeld vielen extrem schwer fällt, sich der Realität anzupassen. Die Tradition, die Montanara und die Existenz als symphatischer „Underdog“ bedeuten für diese Fans die Welt. Doch deswegen wechselt kein Spieler zu Ambri-Piotta und ausserhalb dieser Kreise interessiert es niemanden. Tradition ist zum Leidwesen vieler Fans passé, im Profisport kann man nur noch kommerziell, also profitorientiert arbeiten, besonders im Falle eines Abstieges, wo man sich vollkommen neu orientieren muss.

Laut Lombardi beschäftigt man sich auch im Falle eines Abstieges nicht mit einem Plan B, so fragt man sich als Aussenstehender trotzdem, wie der HC Ambri-Piotta bei einer möglichen Umgehung der Ligaqualifikation in der NLA bestehen soll.