Die nackten Zahlen sind brutal: Zwei Siege aus den letzten 14 Spielen, sieben von 42 möglichen Punkten. Der VSV ist in den vergangenen Wochen nicht langsam in eine Krise gerutscht, er ist regelrecht hineingefallen. Ende November noch Sechster, voll im Rennen um die fixen Playoffplätze – heute ringt man um die Ränge sieben bis zehn. Und wer glaubt, das liege ausschließlich am Trainerwechsel oder an einer Systemumstellung, macht es sich zu einfach.
Verantwortung beginnt im Management
Zunächst zur Einordnung: Unter Tray Tuomie lief es sportlich. Der VSV war stabil, punktete regelmäßig und stand dort, wo man sich selbst auch gesehen hatte – in den Top 6. Die Trennung hatte keine sportlichen Gründe, sondern folgte auf Vorkommnisse, die dem Verein schadeten. Über Details wurde bewusst Stillschweigen vereinbart.
Doch genau hier beginnt die Verantwortung der sportlichen Führung. Ein Trainerwechsel mitten in einer funktionierenden Saison ist eine bewusste Entscheidung mit kalkuliertem Risiko. Dieses Risiko hat sich realisiert. Dass ein solcher Einschnitt eine Mannschaft aus dem Gleichgewicht bringt, war vorhersehbar. Kritisch gefragt: War man auf dieses Szenario vorbereitet? Gab es einen klaren sportlichen Plan B oder vertraute man darauf, dass es schon irgendwie weiterlaufen würde?
Übergangsphase ohne Stabilität
Die Phase unter Sportdirektor Herbert Hohenberger und Co-Trainer Marco Pewal – inklusive einer bitteren Heimniederlage gegen Linz und einer 1:4-Derbyklatsche in Klagenfurt – brachte zusätzliche Verunsicherung. Unter dem Interimsduo konnte die Mannschaft keine Ruhe finden; der ungünstige Spielplan und sportliche Rückschläge kosteten wertvolle Punkte in einer Phase, in der Stabilität entscheidend gewesen wäre.
Neuer Coach, große Idee – aber passt das Material?
Mit Pierre Allard verband man die Hoffnung auf einen sportlichen Neustart. Seine internationale Vita ist beachtlich: elf Jahre bei den Montreal Canadiens in der NHL, danach Red Bull München, zuletzt Genf. Allerdings nie als Headcoach. In Villach trägt er erstmals die alleinige Verantwortung als Trainer.
Allards Spielidee ist klar: aggressiver Forecheck, hohes Tempo, hohe Intensität, sogenanntes Red-Bull-Hockey. Genau hier liegt ein zentraler Kritikpunkt. Hat der VSV überhaupt das Spielermaterial, um diese Spielweise vom einen auf den anderen Tag über Wochen hinweg konsequent durchzuziehen? Wenn der Kader dafür nicht gebaut ist, dann ist entweder das System falsch gewählt oder der Kader falsch zusammengestellt. Beides gleichzeitig zu ignorieren, ist gefährlich.
Kurzer Hoffnungsschimmer, tiefer Absturz
Das 4:1 gegen Bozen zum Einstand machte Hoffnung. Es blieb ein Strohfeuer. Ab der Niederlage gegen Laibach am 5. Dezember begann der Tiefflug: sieben Niederlagen in Serie, kein einziger Sieg mehr im Jahr 2025, dazu mehrfach verspielt Führungen – allen voran das 3:0 gegen Ferencváros. Solche Spiele werfen Fragen auf: nach mentaler Stärke, nach Spielmanagement und nach taktischen Anpassungen von der Bank. Wenn sich dieses Muster wiederholt, ist es kein Zufall mehr.
Kaderplanung und Import-Problematik
Ein Blick auf den Kader offenbart strukturelle Schwächen. Adam Helewka ist ein positiver Lichtblick und trägt die Offensive. Nick Hutchison liefert konstant, arbeitet hart und hat sich völlig zu Recht zum Publikumsliebling entwickelt.
Demgegenüber stehen Leistungsträger des Vorjahres, die heuer massiv abfallen. John Hughes (-16) und Kevin Hancock (-14) sind von ligaweit gefürchtetem Duo zu Belastungsfaktoren geworden. Es fehlt nicht nur das Scoring, sondern auch defensive Stabilität. Die unbequeme Frage lautet: Warum bleiben sie trotz solcher Vorstellungen in tragenden Rollen? Wird das Leistungsprinzip konsequent angewandt oder spielen Namen und Vergangenheit noch immer eine zu große Rolle?
Auch Maximilian Rebernig steht sinnbildlich für den Leistungsabfall: vier Tore in 30 Spielen nach 23 Treffern in der Vorsaison. Das ist kein normales Formtief mehr, sondern ein massiver Einbruch.
Verletzungen – Erklärung, aber keine Ausrede
Der Kader ist außerdem zu dünn, um Ausfälle zu kompensieren. Das zeigte sich früh. Die Verletzungen von Mark Katic und Alex Wall schmerzten, der Ausfall von Kapitän Alexander Rauchenwald traf den VSV hart und unerwartet. Sportlich wie menschlich ist er nicht zu ersetzen.
Die Reaktivierung von Arturs Kulda und das Missverständnis Brett Ritchie – kein einziger Einsatz als Center! – waren Symptome akuter personeller Not. Nun soll Jungspund Brett Budgell aus der ECHL diese Lücke schließen. Dass man nachlegen musste, war unumgänglich. Dass man dazu gezwungen war, ist jedoch ein Resultat der Kaderplanung und fehlender Centeralternativen innerhalb der Mannschaft.
Jugenddebatte, fehlende Alternativen und Kommunikation
Die Forderung vieler Fans nach mehr Eiszeit für die Jungen ist verständlich, greift aber zu kurz. Junge Spieler dürfen nicht als Ersatz für Führungsspieler in Schlüsselrollen gedrängt werden. Gleichzeitig muss man festhalten: Der VSV verfügt aktuell über nur wenige Nachwuchsspieler, die sofort eine tragende Rolle übernehmen könnten. Paul Sintschnig ist ein Beispiel: Er kann in den Toplinien spielen, ist aber kein Center und kann daher die zentrale Rolle von verletzten Führungsspielern wie Rauchenwald nicht ausfüllen. Andere junge Akteure wie Jakob Sintschnig, Dominik Prodinger oder Nico Uschan sind aktuell noch nicht reif genug, um Schlüsselpositionen zu übernehmen. Auch das ist Teil der sportlichen Realität und der langfristigen Strukturarbeit.
In diesem Zusammenhang wäre eine offenere und transparentere Kommunikation des Vereins angebracht. Viele Erklärungen („Es ist alles ein Prozess“, „Wir brauchen Zeit“ etc.) wirken zunehmend abgenutzt. Fans brauchen keine internen Details, aber sie haben ein Recht auf Ehrlichkeit. Klar zu benennen, wo Probleme liegen und welche Schritte geplant sind, schafft Vertrauen. Schweigen oder Floskeln tun das Gegenteil und machen misstrauisch.
Noch ist nichts verloren – aber es braucht einen Umschwung
Trotz allem ist die Saison noch nicht verloren. Linz und Wien sind mit einem Spiel mehr nur wenige Punkte entfernt, Ferencváros lauert von hinten. Der Kampf um Platz sieben oder acht lebt. Aber dafür braucht es jetzt einen klaren Umschwung.
Was bleibt, ist das Villacher Publikum. Über 3.000 Fans trotz bescheidener Leistungen sind alles andere als selbstverständlich. Villach war immer ein Standort, an dem Leidenschaft, Einsatz und Kampfgeist zählen. Wenn die Mannschaft diese Werte wieder annimmt, ist der VSV in der heimischen Halle mit den Fans im Rücken nach wie vor schwer zu bespielen.
Vielleicht gelingt die Trendwende ja ausgerechnet im Heimderby gegen den KAC am kommenden Freitag. Derbies haben bekanntlich ihre eigenen Gesetze. Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, an dem die Adler zeigen, dass diese Saison noch nicht verloren ist.
Bild: VSV/STEFAN






