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Nordamerika: Mobbing & Rassismus: Ehemaligen NHL-Draftee Mitchell Miller holt die Vergangenheit ein

Nur wenigen Themen ließen in den vergangenen Jahren die Wogen so hoch gehen wie die „Causa Mitchell Miller“. In den letzten Tagen überschlugen sich die Medienberichte und Aussagen aktiver Spieler – sein erst kürzlich unterfertigter Vertrag wurde nach nur zwei Tagen aufgelöst. Doch was ist genau passiert? Welchen Schaden trägt die National Hockey League (NHL) und die Boston Bruins von dieser Geschichte davon?

Wir schreiben den 7. Oktober 2020, der Draft wird aufgrund der Covid-19-Pandemie via Videokonferenz abgehalten. Am zweiten Tag des NHL Entry Drafts investieren die Arizona Coyotes ihren 111th Overall Pick in den damals 18-jährigen US-Amerikaner, Mitchell Miller. Der Verteidiger zeigte in der davor abgehaltenen Saison mit acht Tore und 33 Punkten in 44 Spielen auf. Herausragende Werte, die er als junger Verteidiger in der United States Hockey League (USHL) ablieferte. Nur 22 Tage danach der Paukenschlag: die Coyotes treten von diesem Pick zurück, tags darauf gab auch die University of North Dakota bekannt, dass Miller nicht mehr zum Programm gehöre. Es folgte ein Jahr ohne ein einziges Spiel zu absolvieren… aber warum?

Viele Jahre des „bullying“
Die Arizona Coyotes stießen bereits in ihren Scoutingprozessen auf Vorfälle, die sich in Millers Kindheit/Jugend zutrugen – zum damaligen Zeitpunkt wollte man die Möglichkeit aber nutzen und einen „lehrreichen Moment“ daraus machen. Nach dem Draft traten aber viele bis dato unbekannte Details ans Licht, welche die Coyotes zu ihrer Entscheidung zwangen. „Was wir erfahren haben, entspricht nicht den Werten und der Vision unserer Organisation. Das hat uns dazu geführt, unsere Draftrechte aufzugeben“, so der damalige Coyotes Präsident & CEO, Xavier Gutierrez.

Miller soll über viele Jahre hinweg einen farbigen Jungen, der an einer Entwicklungsstörung litt, schikaniert, gemobbed, ja tyrannisiert haben. Das ging sogar so weit, dass der Junge Süßigkeiten, getränkt in Urin schlucken musste. Laut Angaben der Eltern des Geschädigten standen auch rassistische Äußerungen auf der Tagesordnung. Was klar aufgezeigt werden muss: hier handelte es sich nicht um ein einmaliges Vergehen, die Torturen Millers und eines Klassenkameraden erstreckten sich über mehrere Jahre hinweg. Nach dem Aufkommen dieser Vorfälle gab es keine direkte Entschuldigung am Geschädigten, vielmehr „entschuldigte“ sich Miller über einen Instagram-Post – oder vielleicht doch? Dazu später mehr. Schon damals wurde dem Verteidiger mangelnde Reue vorgeworfen. 2016 wurde Miller vor einem Jugendgericht in zwei Fällen schuldig gesprochen.

Die letzten sechs Tage
Die Boston Bruins wussten von Millers „Historie“ und statteten den US-Crack am 4. November mit einem 3-Jahresvertrag aus – er sollte aber zuerst nur in der American Hockey League (AHL) auflaufen, so zumindest der Plan von General Manager Don Sweeney. Doch was folgte war eine Lawine an Negativkommentaren, ein riesiger medialer Shitstorm – ja, auch viele Bruins-Cracks sprachen sich offiziell gegen dieses Signing aus. Boston-Ikone Patrice Bergeron: „Um ehrlich zu sein, die Kultur die wie hier aufgebaut haben lehnt ein solchen Verhalten strikt ab. Was er getan hat ist inakzeptabel und dazu stehen wir nicht. In unserer Kabine dreht sich alles um Inklusion, Vielfältigkeit und Respekt – das sind unsere Schlagwörter und Werte.“.

Auch NHL Commissioner Gary Bettman stieß dieses Signing sauer auf, er machte auch umgehend klar, dass man Miller nicht so schnell in der NHL sehen wird – wenn überhaupt. „Er kommt nicht in die NHL, er ist derzeit nicht dazu berechtigt. Ich kann auch nicht sagen, ob er jemals berechtigt sein wird“, stellte der mächtigste Mann der Liga klar.

Für die Bruins wurde die Schlinge immer enger, nur drei Tage nach der Verpflichtung Millers wurde der Vertrag wieder aufgelöst. Präsident Cam Neely gab nach dem Schritt folgendes zu Protokoll: „Die Entscheidung, diesen jungen Mann zu signen wurde nach gründlicher Bewertung der Fakten, die sich uns boten, gefällt. Wir haben es auch so verstanden, dass es sich hier um einen Einzelfall handelte, aus welchem er auch gelernt und er auch dazu bereit war, weiter an sich zu arbeiten. Basierend darauf haben wir ihm einen Vertrag angeboten.“ Doch anscheinend tauchten neue Informationen auf, die Boston zum Umdenken brachten: „Basierend auf neuen Informationen glauben wir, dass es das beste ist, die Möglichkeit für Mitchell Miller, die Boston Bruins zu repräsentieren, zu entziehen. Wir hoffen, dass er weiter mit Spezialisten an seiner Erziehung und sich selbst arbeitet.“

Nun spricht Millers Agent
Eustace King, der seit 20 Jahren als Agent aktiv ist und Spieler wie Scott Hartnell, Wayne Simmonds oder auch T.J. Oshie betreute, meldete sich im Cam & Strick Podcast zu Wort: „Jeder wusste, welches Risiko sie eingehen“. King wies auch darauf hin, dass er Meetings mit den Boston Bruins Eigentümern und auch anderen NHL-Teams hinsichtlich eines Engagement Millers hatte. „Jeder wusste um was es geht, jeder wusste über die Risiken bescheid, jeder wusste alles“, stellte King klar.

King sprach in weiterer Folge über einige Fakten, die er im Zuge seiner Recherchen zutage bringen konnte. Unter anderem gab es vor einigen Jahren sehr wohl eine Entschuldigung Millers an Meyer-Crothers, so steht es in Schulaufzeichnungen. Vor Gericht las Miller auch eine handgeschriebene Entschuldigung vor – es sei erwähnt, dass damals eine „no contact“-Klausel verhängt wurde, Miller war es nicht erlaubt direkt mit Meyer-Crothers oder seiner Familie zu sprechen. In den letzten 30 Tagen standen die beiden via Social Media in Kontakt, beide Seiten führten sogar ein Telefongespräch. Darin ging es auch um ein persönliches Treffen, um das Thema weiter aufzuarbeiten. Zu diesem Treffen kam es bis dato aber nicht.

Was bleibt?
Am Ende gibt es keine Rechtfertigung für die Taten, die Mitchell Miller in jungen Jahren getätigt hat – so viel sei gesagt. Es darf aber nicht vergessen werden, dass bis zur Auflösung von Millers Vertrag noch zu wenige Informationen geliefert wurden – zumindest wurde in der Öffentlichkeit bereits geurteilt, ohne manche Sachverhalte zu kennen. Das wirft kein gutes Licht auf die Boston Bruins und ebenso wenig auf die National Hockey League, die sofort Partei ergriffen. Sollten die Angaben von Eustace King stimmen, dann hätte man die Situation viel besser lösen und es sogar als Chance sehen können. In einer Liga, in welcher es über die Jahre immer wieder „hinterfragbare“ Aktionen von Spielern gab, sollte nicht vorschnell geurteilt werden, ohne die Entwicklung gewisser Beziehungen zu kennen. Wie es nun mit Millers Eishockey-Karriere weitergeht ist völlig offen – bleibt zu hoffen, dass es das oben erwähnte Treffen gibt und es für beide Seiten zu einem „gesunden Abschluss“ kommt. Oftmals wird der Sport dann doch zur Nebensache!

hockey-news.info

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